Warum immer auf den Yogalehrer hören?

Ich muss ein bisschen schmunzeln wenn ich diese Headline lese, denn es ist wirklich etwas Wahres dran. Ich möchte diesen Artikel heute mal aus einer typischen „Lehrerperspektive“ beginnen. Als Yogalehrerin erinnere ich meine Yogaschüler ständig daran auf ihren Körper zu hören. Ich bin also die meiste Zeit damit beschäftigt, meinen Schülern zu sagen was sie machen sollen.

„Bring dein Kinn in diese Position.“ „Beuge Dich so nach vorne.“„Bringe dein Gewicht in die Fersen“ und so weiter und sofort. Wenn meine Instruktionen „nicht“ den gewünschten Effekt erzielen, verstärke ich die verbalen Anweisungen und füge manchmal manuelle Ausrichtungen (Adjustments) mit hinzu. Das Ziel ist ja, Yogaschüler sicher und tiefer in ihre Yogapositionen zu begleiten und das ist doch jede Bemühung wert oder?

Vielleicht gibt es aber einen besseren Weg?

Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt „Das Geheimnis einer effektiven Yogapraxis liegt nicht so sehr in der Ausrichtung oder Korrektur der Studenten sondern vielmehr in der Aufgabe Achtsamkeit zu kultivieren“.

Wenn wir z.B. den Übergang von einem Krieger I in einen Krieger II betrachten, passiert es häufig, dass das Knie im vorderen Bein nach innen kippt. Ich könnte sagen: „Richte dein vorderes Knie senkrecht über dem Fußknöchel aus.“ Das beinhaltet eine Korrektur und die Annahme, dass der einzig sichere Platz für das Knie direkt über dem Fußknöchel ist. Was nicht unbedingt richtig ist.

Stattdessen kann ich auch sagen: „Schließe Deine Augen und bringe deine Aufmerksamkeit in dein vorderes Knie. Kannst Du wahrnehmen wo sich dein Knie in Relation zu deinem Fußknöchel befindet? Gibt es vielleicht einen Platz oder eine Bewegung, die du machen kannst die sich gut oder besser für dein Knie anfühlt?“

Das sind eher Fragen (die die Aufmerksamkeit schulen) als Anweisungen. Diese Art von Einladung den eigenen Körper aufmerksam zu beobachten statt einer Anweisung zu folgen, macht einen Yogaschüler weniger abhängig von außen vorgegeben Hinweisen und Rahmenbedingungen. Ich habe festgestellt, dass meine Yogaschüler mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit selbst in der Position „Knie über dem Fußknöchel“ ankommen.

Außerdem besteht hier eine nur minimale Verletzungsgefahr, wenn sie es nicht tun. Trotzdem denke ich, haben meine Yogastudenten mehr vom Prozess der Achtsamkeit und des Spürens, als von der finalen Positionen selbst. Es führt dazu sich deutlicher und achtsamer wahrzunehmen, viel präsenter zu sein und sich nicht in zu vielen technischen Anweisungen und Korrekturen zu verlieren.

Mein Unterricht hat sich in den letzten Jahren immer mehr entfernt von den rein „technischen Ansagen“ hinzu Einladungen wie: „Versuche dies.“ „Probiere jenes und nimm wahr was du spürst.“ Ich versuche mein Bestes meinen Schülern nicht zu sagen wie sie sich fühlen sollen.

Warum? Weil manche Schüler es fühlen können, andere sind sich nicht sicher und manche fühlen nichts und denken „muss ich jetzt was fühlen oder mache ich etwas falsch?“ Manche wissen auch überhaupt nicht was sie fühlen. Auch das Wort „fühlen“ an sich ist für viele schon emotional besetzt. Deshalb habe ich mir auch angewöhnt hinzuzufügen, dass es vollkommen OK ist nichts wahrzunehmen.

T.K.V. Desikachar (Sohn von Krishnamacharya, gilt als Begründer des modernen Yoga) sagte einmal: „Wahrzunehmen das man irritiert oder verwirrt ist, ist eine Form von Klarheit“ und ich finde das ist als Schüler gut zu wissen, oder?

Irritiert oder verwirrt zu sein heißt ja nicht „falsch zu liegen“. Es heißt auch nicht „zu dumm“ zu sein. Vielleicht liegt es an fehlender Erfahrung, das mag sein, das ist aber etwas anderes als „falsch zu liegen“ oder „sich dumm anzustellen“. Jedes Wissen das wir uns aneignen beginnt mit bewusster Wahrnehmung.

Wenn wir als angehender Yogalehrer/Lehrerin frisch aus einem Yogalehrertraining kommen, ist da ein unbändiger Drang alles sofort zu korrigieren (das wurde uns ja schließlich beigebracht). Wir unterrichten ja, weil wir das was wir durch unsere eigene Yogapraxis erfahren haben teilen und weiter geben wollen, richtig?

Wir sollten dennoch im Hinterkopf behalten das auch Korrekturen nicht ohne Auswirkung sind. Wir lassen unsere Studenten vielleicht manchmal mit dem Gefühl zurück, dass etwas mit ihnen und ihrem Körper nicht stimmt und „repariert“ werden muss oder sie es einfach nicht „richtig“ machen. Die Wahrheit ist, kein Körper gleicht dem anderen. Jeder herabschauende Hund sieht anders aus. Es gibt kein „Normal“.

Einmalig oder individuell, dass ist Normalität. Wenn wir 10 Wirbelsäulen auf einem Röntgenbild vergleichen würden, würde keine Einzige der Anderen genau gleichen. Das heißt aber nicht, dass eine dieser Wirbelsäulen anormal oder krank wäre. Wir sind einfach alle unterschiedlich.

Heute werden wir bombardiert mit Bildern von perfekten Körpern und der Mitteilung wie ein Körper auszusehen hat. Die Yogapraxis sollte ein Rückzugsort sein die ohne dieses Bombardement auskommt. Je mehr ich meine Yogaschüler daran erinnere, das Einzigartigkeit die Normalität ist (und es macht definitiv einen Unterschied zu sagen „das ist normal und wir weichen allen ein bisschen davon ab“) desto weniger streng und urteilend sind sie mit sich selbst. Auch als Yogalehrer brauchen wir diese Erinnerung. Denn die sozialen Medien und unsere Popkultur sind voll von Photos mit gertenschlanken Yogis in atemberaubenden Positionen, die den Eindruck vermitteln, dass eine tiefe Yogapraxis dasselbe ist wie Akrobatik. Wir dürfen an dieser Stelle nicht vergessen, dass die moderne Yogapraxis stark vom Tanz und Gymnastik beeinflusst ist.

Und lasst uns auch nicht vergessen, dass Yoga der Weg zu sich selbst ist und nicht eine äußere Form. Da gehört auch dazu von der „Obsession“ los zulassen – „ und das Knie gehört über den Fußknöchel“.

Namastè

Deine

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P.S. Wenn Dir unser Yogaletter gefällt leite ihn doch einfach weiter an Deine Freunde, Familie und Bekannte!

 

 

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2 Kommentare

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  1. Ich bin durch Zufall auf Deinen Beitrag gestoßen. Danke für diese wundervollen Worte. Sie sind so wahr. Wir sind geformt von äußeren Vorstellungen, davin wie wir sein müssen um perfekt zu sein. Dabei sind wir doch alle in unserer Einzigartigkeit so wunderschön und so perfekt. Ich lebe aktuell mit meiner Familie für drei Jahre in den USA und hier fühle ich die Konzentration auf die Äußerlichkeit noch mehr, der Drang nach Perfektion ist hier noch stärker und ich liebe Yoga für die Möglichkeit mich zurück ziehen zu können und perfekt sein zu können, so wie ich bin. Leider haben viele das eigene Körpergefühl verloren und hungern daher so nach Anweisungen, wie etwas perfekt ausgeführt werden kann. Wieder zu lernen, meinem Körper zu vertrauen und auf ihn zu hören, dass sehe ich als meine Aufgabe als Yogalehrerin. Ich liebe den Satz „Vertraue der Weisheit Deines Körper“ und ich bin immer wieder überrascht wie viele Menschen genau dieses Vertrauen verloren haben. Vielen Dank und Namasté. Silke

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